Die Geschichte der SKW Trostberg AG

Enstehung der SKW Trostberg AG

Keine der Gesellschaften, die heute das Geschäftsfeld Chemie der Evonik Industries AG bilden, hat von der Gründung bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts einen solchen Wandel erlebt wie die am 6. November 1908 als Bayerische Stickstoffwerke AG entstandene SKW Trostberg AG. Ausgangspunkt waren die Ende des 19. Jahrhunderts immer lauter werdenden Forderungen nach einer Regulierung der Alz, einem gefälle- und wasserreichen Innzufluss im Chiemgau. Um den jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen Herr zu werden, plante die Bayerische Staatsregierung eine weitgehende Kanalisierung des Gewässers und den Bau von zwei Wasserkraftwerken. Die anfallende, erhebliche Energie nutzte man schließlich, um der "Bayerische Stickstoffwerke AG" die energieintensive Produktion von Kalkstickstoff zu ermöglichen. Die Alzkraftwerke wurden 1910 in Betrieb genommen, parallel erfolgte der Aufbau von Produktionsanlagen, darunter eine in Trostberg, für den hochbegehrten Dünger, bei dessen Produktion erhitztes Calciumcarbid mit reinem Stickstoff versetzt wird.

Wachstum durch Kalkstickstoff

Der enorme Bedarf der Landwirtschaft an Kalkstickstoff brachte nicht nur der SKW gute Erträge ein, sondern führte auch ab 1915 zum Bau neuer Anlagen in Piesteritz an der Elbe und im oberschlesischen Königshütte (heute Chorzow). Während letzteres Werk 1922 vom polnischen Staat beschlagnahmt wurde, wurde Piesteritz stark ausgebaut. In der ehemaligen DDR gelegen, kam das Werk 1993 zur SKW zurück. Erst 2002 erfolgte der Verkauf der Anlage. Die tschechische Gruppe Agrofert a. s. führt die Aktivitäten unter dem Namen "SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH" fort.

1923 gründete das Deutsche Reich die Vereinigte Industrie Unternehmungen AG (VIAG), der auch die Aktien der SKW übertragen wurden. Für mehr als 75 Jahre gehörte die SKW damit zum Konzernverbund der VIAG, auch wenn sich Teile des Kapitals in wechselndem Besitz befanden. Nach den Produktionseinbrüchen der Weltwirtschaftskrise 1929/32 wurde Kalkstickstoff in der NS-Zeit und während des Zweiten Weltkriegs zum bevorzugten und geförderten Produkt. Bombenschäden wurden hingegen erst kurz vor Kriegsende registriert, wobei die Substanz der SKW-Werke stets intakt blieb.

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Kraftwerks-Turbinenhaus um 1910

Über Jahrzehnte wurde somit die Herstellung von Kalkstickstoff, auch nachdem 1920 bei Hirten eine weitere Anlage und das dritte Wasserkraftwerk hinzugekommen waren, zur Basis der späteren SKW. Dies ist übrigens eine Abkürzung für Süddeutsche Kalkstickstoff-Werke AG. Diesen Namen führte das Unternehmen ab 1939, seit dem Zusammenschluss der Bayerische Stickstoffwerke AG mit der seit 1920 bestehenden Bayerische Kraftwerke AG.

Neue Produkte nach 1945

Erst ab 1944 ging die SKW über die Herstellung von Kalkstickstoff hinaus: Die Produktion von Ferrosilicium im Werk Hart war der Ausgangspunkt für den metallurgischen Bereich des Unternehmens. Erweiterungen der Produktpalette erfolgten in den 1950er und 1960er Jahren durch die Herstellung von zahlreichen Speziallegierungen oder etwa durch das auf Carbid basierende Entschwefelungsmittel CaD. Ab Ende der 1940er Jahre schaffte die SKW, ausgehend von ihrem "Stammprodukt", den Cyanamiden, auch den Einstieg in die NCN-Chemie, wobei das Kürzel für Produkte mit einer typischen Stickstoff-Kohlenstoff-Stickstoff-Konfiguration steht. So etwa bei MELAMIN, das u.a. bei der Herstellung von hochwertigen Laminaten, Pressmassen, Leimen und Lacken verwendet wird. Für die Herstellung von MELAMIN wurde zu Beginn der 1950er Jahre eine Großproduktionsanlage in Schalchen fertiggestellt. Weitere Produkte der NCN-Chemie waren etwa Harnstoffe oder 1970 das Beton-Zusatzmittel MELMENT, letzteres legte zugleich den Grundstein für die Bauchemie-Aktivitäten der SKW.

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„Stickstoff-Marie“, Skulptur der Kalkstickstoff-Säherin, 1919

In Kooperation mit der Hoechst AG wurde zu Beginn der 1970er Jahre im bayerischen Münchsmünster die Produktion von Acrylnitril, einem Vorprodukt der Kunstfaserherstellung, begonnen. Am gleichen Standort entstand 1976 auch eine Cyanurchlorid-Anlage, um die eigene Blausäureversorgung sicherzustellen. Dieses Geschäft wurde 2001 abgegeben.

Quantensprung durch die Bauchemie

Einen Quantensprung machte der SKW-Konzern in den 1990er Jahren mit dem enormen Ausbau der Bauchemie und dem Aufbau der Naturstoffsparte. Die Voraussetzung für diese Entwicklung, die die SKW zu einem der größten Spezialchemiehersteller der Welt machte, wurde 1995 durch einen erfolgreichen Börsengang geschaffen. Bereits in den 1970er Jahren hatte SKW begonnen, ihre Bauchemie zu vergrößern; dies insbesondere durch den Ankauf der späteren Augsburger PCI mit einer großen Palette an Produktsystemen, etwa für Bauwerksabdichtungen oder Untergründe von Bodenbelägen.

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Fahnen mit SKW-Logo, 1996

Der Zusammenschluss mit Master Builders Technologies (MBT), einer Tochter des Schweizer Sandoz-Konzerns, machte die SKW 1996 schließlich zum Weltmarktführer in diesem Bereich. Eine weitere Ergänzung war 1999 der Erwerb der Harris Specialty Chemicals (HSC). Die SKW Bauchemie bildete den wesentlichen Bestandteil des Unternehmensbereichs Construction Chemicals der 2001 neuformierten Degussa. 1994 war mit der Produktion von Naturstoffen ein dritter Kernbereich hinzugekommen. Diese Aktivitäten wurden, wie auch die Bauchemie, im Zuge einer weiteren Fokussierung in den Jahren 2005/2006 verkauft.

Abrundung des Unternehmensprofils

Das Unternehmensprofil der SKW wurde 1999 abgerundet durch die direkte Übernahme der Essener Goldschmidt AG vom Mutterkonzern VIAG. Goldschmidt bildete innerhalb der SKW den vierten Unternehmensbereich Performance Chemie. 2006 wurden die die NCN-Chemie-Aktivitäten der vormaligen SKW in die AlzChem GmbH, Trostberg, ausgegliedert. Ende 2009 verkaufte die Evonik Industries AG, zu deren Geschäftsfeld Chemie die AlzChem GmbH zählte, das Unternehmen an den Finanzinvestor BLuO.