Goldschmidt

1890 - 1899

Neue Werke, Innovationen und Wachstum

1890

Im Februar nahm die neue Essener Fabrik von der Goldschmidt AG nach dem Umzug des Unternehmens aus Berlin den Betrieb auf. Ihr Herzstück bildete die Weißblechentzinnung, darüber hinaus wurden weiterhin zahlreiche Textilchemikalien angeboten. Schnell wurde die Entzinnung zum großen Erfolg: bereits 1892 hatte sich die Mitarbeiterzahl gegenüber 1889 auf 120 verdoppelt, um bis zum Jubiläumsjahr 1897 auf 217 zu steigen.

1892

Im Scheidereibetrieb der Deutschen Gold- und Silber-Scheideanstalt wurde anstelle der bisher üblichen Schwefelsäurescheidung die moderne Silberelektrolyse eingeführt. Die Goldelektrolyse folgte vier Jahre später.

1893

Die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt führte erstmals „Ferien zur Erholung für Arbeiter“ ein, je nach Dienstalter gab es drei bis sechs Tage. Auch Goldschmidt gewährte seinen Mitarbeitern Urlaub. Ab 1906 wurde sogar ein gesicherter Urlaubsanspruch festgeschrieben.

1895

Goldschmidt meldete zwei der wichtigsten Innovationen der Firmengeschichte zum Patent an. Zum einen handelte es sich um ein verbessertes, weil zyklisches, elektrolytisches Entzinnungsverfahren. Damit konnte das Zinn erstmals in einem Arbeitsgang nahezu vollständig vom Blech gelöst werden, was den Durchsatz, die Effektivität und den Ertrag der Weißblechentzinnung nachhaltig steigerte. Das metallische Zinn wurde in einer bis dahin unerreichten Reinheit von 99,8 Prozent unter dem Namen "Baum" angeboten, lange Zeit ein Markenzeichen für Goldschmidt.

Vielleicht noch bedeutender war aber die Anmeldung des sogenannten Thermit-Verfahrens von Hans Goldschmidt, des Begründers der Aluminothermie. Die hohe Reaktionsfähigkeit und Wärmeentwicklung des von Hans Goldschmidt kreierten Aluminiumgemisches, das bei Entzündung selbsttätig weiterbrannte, wurde zunächst zur Herstellung kohlefreier Metalle wie Chrom, Ferrochrom und Mangan benutzt. Erst einige Jahre später bekam das Thermit-Verfahren seine Hauptbedeutung durch die rapide Verkehrsentwicklung. Es wurde zum bis heute wichtigsten Verfahren zur Verschweißung von Schienen für Straßen- und Eisenbahnen – unerlässlich für den Komfort und die Sicherheit des Schienenverkehrs.

1897

Nach der bereits im Vorjahr eingeführten Betriebskrankenkasse rief Goldschmidt die nach einem ehemaligen Meister benannte Ernst-Stelzer-Pensionskasse ins Leben. Der Initiator Karl Goldschmidt hatte es bereits 1890 beim Umzug nach Essen für seine Pflicht gehalten, diejenigen Berliner Arbeiter, die für den Wechsel nach Essen zu alt waren, aus Firmenmitteln zu unterstützen. Aus diesem Fürsorgegedanken heraus entstand die neue Pensionskasse mit einem Stiftungskapital von 10.000 Reichsmark. Arbeiter und Unternehmen zahlten anteilig Beiträge, die den Arbeitern und deren Angehörigen Unterstützung bei dauernder Dienstunfähigkeit oder Tod bieten sollte. Bereits 1885 hatte die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt vormals Roessler in Frankfurt einen ersten Pensionsfonds eingerichtet.

1898

Die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt gründete zusammen mit der Aluminium Company, London, die Electro-Chemische Fabrik Natrium GmbH in Frankfurt am Main. Diese Gesellschaft errichtete in Rheinfelden am Oberrhein - dort war gerade das erste europäische Wasserkraftwerk in Betrieb gegangen - ein Werk zur Fabrikation von metallischem Natrium durch Schmelzflusselektrolyse nach einem von Hamilton Y. Castner entwickelten Verfahren. Natrium benötigte die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt für die Herstellung von Cyansalzen. Die Produktion begann 1899. Noch im selben Jahr lief auch der Natriumperoxidbetrieb an. Im Laufe der Jahre wurde das Werk Rheinfelden - seit 1919 im Alleinbesitz der vormaligen Degussa - zum Ausgangspunkt vielseitiger Entwicklungen, besonders auf dem Gebiet der Aktivsauerstoffverbindungen (Perverbindungen) und der pyrogenen Kieselsäure AEROSIL.

Im gleichen Jahr erfolgte, ebenfalls in Rheinfelden, die Gründung der Elektrochemische Werke GmbH, die eine Mehrheitsbeteiligung der AEG war. Auch sie nutzte die Energie des neuen Wasserkraftwerks. Geschäftsführer war der Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau, der Chemiker Walter Rathenau, später bis zu seiner Ermordung 1922 erster Außenminister der Weimarer Republik. Das in Rheinfelden vor Ort gewonnene Steinsalz wurde im Werk elektrolytisch in Chlor und Natrium gespalten; das Chlor zu Chlorkalk, das Natrium zu Natronlauge verarbeitet. Das Werk gelangte über die Chemischen Werke Griesheim Elektron und die Dynamit Nobel AG 1988 in den Besitz von Hüls. Im Zuge der 1999 erfolgten Fusion der Degussa AG mit der Hüls AG wurden beide Rheinfeldener Werke zu einem verschmolzen. Kooperationen hatte es aber schon zuvor gegeben. So wurde im späteren Hüls-Werk ab 1942 Siliziumtetrachlorid produziert, das im Nachbarwerk der Degussa zur Herstellung der pyrogenen Kieselsäure AEROSIL verwendet wurde.

Erste Wahl eines “Arbeiterausschusses“, der die Wünsche und Beschwerden der Arbeiterschaft gegenüber der Geschäftsleitung der Deutschen Gold- und Silber-Scheideanstalt vertrat und bei Lohnregelungen hinzugezogen wurde. Die Wahl des ersten „Beamtenausschusses“ für die Angestellten des Unternehmens erfolgte 1901. Eine staatliche Regelung über die Mitwirkungsrechte der Arbeitnehmer brachte erst das „Gesetz über die Betriebsräte“ vom Februar 1920.

1899

Die erste öffentliche Schienenschweißung mit dem von Hans Goldschmidt entwickelten Thermit-Verfahren wurde im Auftrag der Essener Straßenbahnen durchgeführt. Die Schweißstelle wurde dabei aneinandergepresst, in eine Form gepackt und darüber in einem Tiegel die Thermit-Schweißmasse entzündet. Bei ca. 3.000°C flüssig geworden, floss die Stahlmasse in die Schienenlücke, um dort schnell zu erkalten. Anschließend musste die Schweißstelle lediglich nachgeschliffen werden und war dann in kurzer Zeit wieder befahrbar. Bis zum ersten Weltkrieg eroberte das Thermit-Verfahren zunächst vor allem Straßen- und Privatbahnen, während sich die großen Eisenbahnunternehmen noch skeptisch zeigten.

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1900 - 1909