Otto Liebknecht, Chemiker

Der streitbare Forscher


Chefchemiker des Forschungslabors der Deutschen Gold- und Silberscheide-Anstalt, der späteren Degussa AG


Degussa

* 1876, Leipzig

† 1949, Potsdam

Nach dem Besuch des Gymnasiums nahm Otto Liebknecht, Sohn des Mitbegründers der Sozialdemokratie Wilhelm Liebknecht und Bruder von Karl Liebknecht, ein Chemie-Studium auf. Im Jahre 1899 promovierte er an der Universität Berlin bei Arthur Rosenheim, mit dem ihn später auch eine enge Freundschaft verband, mit dem Thema "Über Sauerstoffsäuren des Jods". Aufgrund seiner SPD-Mitgliedschaft, vor allem aber wegen seiner Herkunft aus einer prominenten Politikerfamilie, gestaltete sich Liebknechts beruflicher Werdegang zunächst schwierig. Nachdem er sich bei mehreren Unternehmen erfolglos als Chemiker beworben hatte, trat er zum 1. Juli 1900 eine Stelle im Forschungslabor der Deutschen Gold- und Silber-Scheide-Anstalt vormals Roessler in Frankfurt an. Dort beschäftigte er sich zunächst mit einem Verfahren zur Darstellung und Reinigung von Indigo.

Den großen Durchbruch erzielte Otto Liebknecht jedoch auf dem Gebiet der Herstellung von Natriumperborat. Im Wettbewerb um ein Produktionsverfahren mit George François Jaubert unterlag er zunächst scheinbar, denn der Franzose hatte bereits neun Monate vor ihm ein Patent angemeldet. Liebknecht aber entwickelte bald darauf ein Verfahren, das Jaubert überflügelte und der Deutschen Gold- und Silber-Scheideanstalt einen langfristigen Gewinn sicherte. Denn das Perborat wurde wichtiger Bestandteil des ersten selbsttätigen Waschmittels der Firma Henkel - bis heute bekannt unter dem Markennamen "Persil".

Aufgrund seiner hervorragenden Forschungsleistungen wurde Otto Liebknecht bereits nach fünf Jahren Betriebszugehörigkeit zum Chefchemiker des Forschungslabors in Frankfurt ernannt.

Außerhalb des Labors setzte er sich im Beamtenausschuß der Deutschen Gold- und Silber-Scheide-Anstalt für die Belange der Arbeitnehmer ein und übernahm im ersten Betriebsrat 1920 den Posten des Vorsitzenden. Der über ein großes Wissen, eine staunenswerte Kombinationsgabe und viel Geschick bei seinen Versuchen verfügende und mit rastloser Energie arbeitende Chemiker schien eine große Karriere vor sich zu haben. 1925 aber kam es überraschenderweise zum Bruch mit der Firmenleitung. Diese Auseinandersetzung, in der es vordergründig um die Höhe der Tantième ging, endete in einem Rechtsstreit um die Qualität seiner Arbeit und führte zu einem Vergleich, nachdem Otto Liebknecht zum 1. Juni 1925 aus der Deutschen Gold- und Silber-Scheideanstalt ausgeschieden war.

Sein weiterer beruflicher Werdegang führte ihn von 1925 bis 1939 als Chefchemiker zur Permutit AG nach Berlin. Darüber hinaus hatte er zwischen 1931 und 1935 einen Lehrauftrag an der dortigen Universität inne. 1943 wurde er freier Berater der Essener Th. Goldschmidt AG und hatte in den Wirren der Nachkriegszeit ab 1945 eine Rolle als Kontaktmann zu den Behörden in der Sowjetischen Besatzungszone. 

Insbesondere nach 1933 hatte Otto Liebknecht wegen seiner prominenten sozialistischen Verwandten zahlreiche Nachteile hinzunehmen. Er wurde angefeindet, seine Lehrtätigkeit an der Universität 1935 untersagt. Darüber hinaus wurde er immer wieder von Kriminalpolizei und Gestapo verhört. Nach Kriegsende kam ihm im Ostteil Berlins seine Abkunft zugute. So durfte er bald seine Lehrtätigkeit an der Universität wieder aufnehmen. Kurz bevor er 1949 einem Krebsleiden erlag, wurde er auf Anregung des späteren Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, zum Professor der anorganischen und organischen Chemie an der Universität Berlin ernannt.